Der Illuminator: Roman - Brossura

Vantrease, Brenda

 
9783442366224: Der Illuminator: Roman

Sinossi

England, um 1380. Um ihren Söhnen das Erbe zu sichern, lässt sich Lady Kathryn auf einen Handel mit dem mächtigen Abt von Broomholm ein: Auf Kosten der Abtei nimmt sie den Buchmaler Finn und dessen Tochter Rose bei sich auf. Was Lady Kathryn jedoch nicht weiß: Finn arbeitet heimlich an einer streng verbotenen Übersetzung der Bibel ins Englische –, der Sprache des gemeinen Volkes. Mit diesem Frevel schafft er sich mächtige Feinde, die sie beide in höchste Gefahr bringen. Denn eines Tages wird ein Priester getötet …


Davon träumen die Leser: ein historischer Stoff, der auf wahren Ereignissen beruht, höchst farbenprächtig und opulent erzählt!




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Informazioni sull?autore

Brenda Vantrease promovierte an der Middle Tennessee State University in englischer Literatur. Sie arbeitete viele Jahre als Englischlehrerin und Bibliothekarin. Doch ihre wahre Leidenschaft galt der englischen Geschichte und Literatur. Ausgiebig bereiste sie Großbritannien und Irland. Sie schrieb zahlreiche Essays. Die englische Ketzerin ist nach Der Illuminator und Die Schriftenhändlerin ihr dritter großer historischer Roman. Brenda Vantrease lebt in Nashville, Tennessee.

Estratto. © Ristampato con autorizzazione. Tutti i diritti riservati.

Prolog
Oxford, England, 1379
John Wycliffe legte seine Feder zur Seite und rieb sich die müden Augen. Die Kerze war schon fast heruntergebrannt und spuckte kleine Wölkchen aus Rauch. In wenigen Minuten würde sie endgültig erloschen sein. Das war seine letzte Kerze. Es war erst Mitte des Monats, aber er hatte den ihm zugeteilten Vorrat bereits vollständig aufgebraucht. Als Dozent am Balliol College der Universität von Oxford stand ihm eine gewisse Anzahl von Kerzen zu. Die anderen Kleriker, die bei Tag arbeiteten und nachts schliefen, kamen damit meistens auch aus. Wycliffe aber schlief nachts kaum. Sein Vorhaben trieb ihn zeitig aus dem Bett und hielt ihn lange davon fern.
Das orangefarbene Glühen des Kohlenbeckens vermochte die Dunkelheit, die sich in den Ecken seines spartanischen Zimmers auszubreiten begann, nicht zu vertreiben. Die Kerze zischte und verlosch. Bald würde das Mädchen kommen, um sauber zu machen. Er würde sie zum Kerzenmacher schicken und die Kerzen aus eigener Tasche bezahlen. Er wollte keinesfalls Aufmerksamkeit auf seine Arbeit lenken, indem er den Quästor, den Schatzmeister, um Nachschub bat oder sich von seinen Kollegen ein paar Kerzen geben ließ.
Zumindest konnte er sich jetzt, während er auf das Zimmermädchen wartete, eine kleine Pause gönnen. Die hatte er auch dringend nötig. Seine Hand tat ihm vom stundenlangen Schreiben weh. Er hatte Kopfschmerzen, weil er seine Augen in dem matten Licht zu sehr angestrengt hatte, und die gebeugte Sitzhaltung vor seinem Schreibpult hatte seine Glieder steif werden lassen. Auch sein Geist war erschöpft. Wie immer, wenn er müde wurde, begann er seine Mission in Frage zu stellen. War es möglicherweise gar nicht Gott selbst, der ihn zu dieser gewaltigen Aufgabe berufen hatte, sondern lediglich sein Stolz und seine intellektuelle Arroganz? Oder hatte er sich einfach nur durch den Herzog von Lancaster auf diesen tückischen Pfad locken lassen? Der Herzog war gerade dabei, die Herrschaft über ein ganzes Königreich zu erlangen, und verspürte dabei keineswegs den Wunsch, seinen Reichtum mit einer gierigen Kirche zu teilen. Aber es konnte keine Sünde sein, so sinnierte Wycliffe, einen solchen Mann als Gönner zu akzeptieren, jedenfalls dann nicht, wenn sie auf diese Weise gemeinsam die Tyrannei der Priester, Bischöfe und Erzbischöfe brechen konnten. John of Gaunt, der Herzog von Lancaster, handelte aus purem Eigennutz, John Wycliffe, um die Seele Englands zu retten.
König Edwards Tod war für das Land ein Segen gewesen, und das trotz der politischen Machtkämpfe, die jetzt zwischen den Onkeln des minderjährigen Königs tobten. Edward hatte ein lasterhaftes Leben geführt, der Makel der Sünde hatte seinen Hof zerfressen. Er hatte sich sogar in aller Öffentlichkeit mit seiner Mätresse Alice Perrers gezeigt, von der es hieß, dass sie eine große Schönheit sei. Wycliffe hielt sie jedoch für nichts anderes als ein Werkzeug des Teufels. Welcher schwarzen Kunst hatte sich dieses intrigante Frauenzimmer wohl bedient, um die Seele eines Königs zu gewinnen? Zumindest hatte mit Edwards Tod auch Alice Perrers die Jauchegrube verlassen, zu der sein Hof geworden war. Jetzt war John of Gaunt Reichsverweser. Und John of Gaunt stand auf seiner Seite.
Vorläufig jedenfalls.
Wycliffe schob seinen Stuhl ein Stück zurück und stand vom Schreibpult auf. Er sah zum Fenster hinaus, das ihm einen wunderbaren Blick über Oxford bot. Unten auf der Straße grölte eine Gruppe betrunkener Studenten, für die der Abend offensichtlich noch lange nicht zu Ende war. Woher sie das Geld für den nicht versiegenden Nachschub an Bier hatten, blieb ihm ein Rätsel. Er vermutete, dass sie stets das billigste Ale, den letzten Ausschank, tranken, obwohl sicher weit mehr Ale nötig war, als es der Bauch eines dicken Mannes fassen konnte, um eine so ausgelassene Stimmung zu bewirken. Einen Moment lang beneidete er die bierseligen Studenten beinahe um ihre Unschuld, ihre zügellose Freude und ihre einzigartige Ziellosigkeit.
Das Mädchen sollte eigentlich schon längst da sein. Sie hatte sich jetzt bereits um eine Stunde verspätet, das sagte ihm das tiefe Indigoblau, das sich im Fenster spiegelte – einem verglasten Fenster, das zugleich Zeichen seines hohen Ranges war. Er hätte in dieser Zeit zwei ganze Seiten der Vulgata übersetzen können – zwei Seiten mehr, die er auf das Päckchen hätte legen können, das er morgen nach East Anglia schicken würde. Die Arbeit des Illuminators gefiel ihm gut. Nicht zu überladen, aber sehr schön und des Textes würdig. Ganz anders als der Stil der Pariser Gilde mit ihren protzigen Farben und der verschwenderischen Ausgestaltung. Wie er diese gotteslästerlichen, grotesken Ornamente hasste, die wilden Tiere, Vögel und närrischen Figuren, die zur Belustigung des Lesers in die Marginalien eingefügt waren. Sein Illuminator hier arbeitete auch noch billiger als die Pariser Meister. Und der Herzog persönlich hatte ihm versichert, dass man auf seine Diskretion vertrauen konnte.
Stimmen hallten jetzt wieder von unten herauf, Lachen, Liedfetzen, und verklangen dann in der Ferne. Das Mädchen würde gewiss bald kommen. Er musste heute Nacht unbedingt noch weiter arbeiten. Die Hälfte des Johannesevangeliums hatte er bereits übersetzt. Schatten flackerten durch das Zimmer. Seine Lider wurden schwer.
Jesus hatte sich mit den Priestern im Tempel angelegt. Wycliffe konnte sich mit einem Papst anlegen. Oder mit zweien.
Die Kohlen im Becken fielen in sich zusammen und flüsterten ihm dabei zu. Während du trödelst, verderben viele Seelen.
Dann schlief er vor der Kohlenglut ein.

Joan wusste, dass sie zu spät kam, als sie die Treppe zu Master Wycliffes Zimmer hinaufhastete. Sie hoffte inständig, dass er zu sehr mit seiner Arbeit beschäftigt war, um es zu bemerken. Sie hatte hinter seinem Fenster jedoch keinen Kerzenschein gesehen. Manchmal registrierte er ihre Anwesenheit kaum, während sie seine schmutzige Wäsche einsammelte, den Fußboden fegte und seinen Nachttopf leerte. Aber wenn sie Pech hatte, war er, was allerdings nur selten vorkam, in gesprächiger Stimmung. Dann erkundigte er sich nach ihrer Familie, fragte sie, wie ihre Verwandten die Sonntage verbrachten, und wollte wissen, ob von ihnen jemand lesen könne.
Nicht, dass ihr seine Neugier unangenehm gewesen wäre. Denn trotz seiner schroffen, abweisenden Art hatte er sehr freundliche Augen, und immer wenn er sie »Kind« nannte, erinnerte er sie an ihren Vater, der letztes Jahr gestorben war. Aber heute wollte sie nicht mit ihm reden. Sie war sich nämlich sicher, dass sie dann zu weinen anfangen würde. Abgesehen davon würde er das hier nicht gutheißen, dachte sie, als sie die Reliquie betastete, die wie ein Rosenkranz an ihrer Taille hing. Sie hatte sie mit ihrem roten Band an der Hanfschnur befestigt, die ihr als Gürtel diente.
Sie strich sich das lose Haar unter der schäbigen Leinenkappe glatt, holte tief Luft und klopfte dann leise an die Eichentür. Als sie keine Antwort vernahm, klopfte sie noch einmal, diesmal lauter. Sie räusperte sich. »Master Wycliffe, ich bin’s, Joan. Ich bin gekommen, um Eure Wohnung sauber zu machen.«
Sie drückte die Türklinke herunter und öffnete die Tür einen Spalt.
»Master Wycliffe?«
Aus dem düsteren Inneren tönte es ihr barsch entgegen: »Komm herein, Kind. Du bist spät dran. Wir verschwenden Zeit.«
»Es tut mir wirklich Leid, Master Wycliffe. Aber es war wegen meiner Mutter, wisst Ihr. Sie ist sehr krank. Und außer mir ist niemand da, der sich um die Kleinen kümmern könnte.«
Sie huschte im Zimmer umher, zündete die Binsenlichter an. Die Flammen flackerten, als sie das Fenster öffnete und den Inhalt seines Nachttopfs in weitem Bogen hinausschüttete. Sie raffte seine schmutzige Wäsche zu einem Bündel zusammen und spürte dabei, wie sein Blick auf ihr ruhte. Die Papiere auf seinem Schreibpult rührte sie niemals an. Sie hatte auf schmerzhafte Weise lernen müssen, dass das nicht erlaubt war.
»Soll ich eine neue Kerze einsetzen, Sir?«
»Hm. Ich habe keine Kerzen mehr. Ich habe auf dich gewartet, damit du welche holen gehst.«
»Entschuldigung. Ich mach mich sofort auf den Weg.«
Sie hoffte inständig, dass er ihre Verspätung nicht melden würde. Wer wusste schon, wann ihre Mutter so weit genesen war, dass sie ihrer Arbeit als Putzfrau wieder nachgehen konnte. Er drehte sich zu ihr um und hob dabei die Hand, um sie aufzuhalten. »Deine Mutter ist krank, sagst du?«
»Sie hat sehr hohes Fieber.« Sie blinzelte, während sie verzweifelt versuchte, nicht in Tränen auszubrechen, dann platzte sie mit ihrem Geständnis heraus. »Ich war in der St.-Anne-Kirche, um den Priester zu bitten, für sie zu beten.«
Wycliffe presste die Lippen so fest zusammen, dass sie über seinen grauen Barthaaren einen harten, geraden Strich bildeten. »Die Gebete des Priesters sind nicht besser als deine, wahrscheinlich sind sie sogar schlechter, weil deine wenigstens aus einem reinen Herzen kommen.«
Er stand auf und überragte sie dabei um ein beträchtliches Stück. Er wirkte sehr ernst in seiner schlichten Robe und der eng anliegenden Wollkappe, die sein graues Haar, das ihm über die Schultern fiel und sich mit seinem Bart vermischte, kaum zu bedecken vermochte.
»Was ist das dort an deinem Gürtel?«, fragte er.
»Meinem Gürtel, Sir?«
»Unter deinem Arm. Etwas, auf das du aufmerksam machst, indem du es zu verbergen versuchst.«
»Das hier, Sir?«
Sie hielt den fraglichen Gegenstand hoch und spürte, wie ihr Gesicht feuerrot wurde. Warum ließ sein durchdringender Blick sie jetzt bezweifeln, was ihr vor weniger als einer Stunde noch vollkommen richtig erschienen war?
»Es ist eine heilige Reliquie«, sagte sie und senkte den Kopf. »Ein Fingerknochen der Heiligen Anne. Ich soll ihn in der Hand halten, wenn ich das Paternoster spreche. Der Priester hat ihn mir gegeben.«
»Ich verstehe. Und was hast du ihm dafür gegeben?«
»Einen Sixpence, Master Wycliffe.«
»Einen Sixpence«, seufzte er kopfschüttelnd, dann wiederholte er: »Einen Sixpence. Von deinem Lohn.« Er streckte die Hand aus. »Darf ich mir diese heilige Reliquie einmal genauer ansehen?«
Sie nestelte an dem Band herum, das sie an ihren Gürtel gebunden hatte, dann gab sie ihm die Reliquie. Er untersuchte sie, rieb sie dabei zwischen Daumen und Zeigefinger.
»Für einen Knochen ist es zu weich«, stellte er fest.
»Der Priester sagte, das sei so, weil die Heilige Anne so sanft gewesen sei.«
Wycliffe wog die Reliquie in der Hand. Das scharlachrote Band floss wie Blut zwischen seinen Fingern hindurch. »Das ist Schweine-Cartilago. Es wird deiner kranken Mutter in keiner Weise helfen.«
»Cartilago?« Das fremde Wort fühlte sich ungewohnt sperrig auf ihrer Zunge an.
»Knorpel. Vom Ohr, dem Schwanz oder der Schnauze eines Schweines.«
Knorpel? Der Priester hatte ihr zur Unterstützung ihrer Gebete ein Schweinsohr gegeben? Er hatte gesagt, er würde es ihr aus christlicher Nächstenliebe sehr billig geben. Normalerweise würde es viel mehr kosten. Schweineknorpel für ihre Mutter? Sie konnte ihre Tränen nicht mehr zurückhalten. Was sollte sie nur tun?
Er gab ihr ein sauberes, gebügeltes Taschentuch. Sie erkannte es als eines der Tücher, die sie erst letzte Woche in der Wäsche gehabt hatte. »Hör mir zu, Kind. Du brauchst keine Reliquie einer Heiligen und du brauchst keinen Priester. Du kannst selbst für deine Mutter beten und deine Sünden Gott direkt beichten. Du selbst kannst im Namen unseres Herrn für deine Mutter beten. Wenn du ein reines Herz hast, wird dich unser Vater in Himmel erhören. Und dann, nachdem du gebetet hast, gehst du zu einem Apotheker und kaufst für deine Mutter eine Arznei gegen ihr Fieber.«
»Ich habe aber doch kein Geld mehr«, stieß sie schluchzend hervor.
»Nun, dann werde ich dir diese Reliquie abkaufen.«
Während sie sich mit dem inzwischen völlig durchnässten Taschentuch die Augen trocknete, ging er zum Tisch hinüber, um seine Börse zu holen. Er nahm einen Schilling heraus.
»Hier. Falls noch etwas übrig ist, wenn du die Arznei gekauft hast, dann kaufe ein Huhn und koche deiner Mutter davon eine gute Brühe.«
»Master Wycliffe, wie kann ich Euch nur danken –«
»Du brauchst mir nicht zu danken, mein Kind. Deine Kirche ist dir zumindest so viel schuldig, dass sie dich nicht bestiehlt. Ich gebe dir nur zurück, was dir gehört.« Er löste das Stück Knorpel von dem Band und tätschelte ihr dann die Hand. »Ich werde diese Reliquie sicher aufbewahren. Nimm das Band.« Er lächelte, und sein sonst so strenges Gesicht wurde plötzlich weich. »In deinem Haar sieht es sicher viel hübscher aus.«
Sie hätte ihn vor lauter Erleichterung am liebsten umarmt, aber das verbot ihr der Respekt. Stattdessen machte sie einen tiefen Knicks.
»Jetzt beeil dich, die Apothekerin in der King’s Lane macht bald zu. Geh schon. Ich werde für deine Mutter ein Gebet sprechen, das dich nichts kosten wird.«
Erst als das Zimmermädchen gegangen war, fielen Wycliffe die Kerzen wieder ein. Er würde also selbst gehen müssen. Die Nacht war noch jung, und er würde noch mehrere Seiten übersetzen können, bevor ihn die Erschöpfung übermannte und er Fehler zu machen begann. Der kurze Schlaf hatte seinen Körper erfrischt, und die Begebenheit eben hatte ihn in seinem Entschluss nur noch bestärkt. Er sperrte die Tür sorgfältig hinter sich zu – schließlich war man vor neugierigen Blicken niemals sicher – und ging rasch die schmale Treppe hinunter und durch die Tür, um Kerzen zu kaufen.


Norwich, East Anglia
Juni 1379
Eins. Zwei. Drei. Wie viele Glockenschläge waren es? Halb-Tom, der Zwerg, der sich gerade auf den Weg zum Markt in Norwich gemacht hatte, blinzelte mit zusammengekniffenen Augen in die Sonne, während er zählte. Zwölf Schläge riefen die Mönche zur Sext. Er stellte sich vor, wie sie in ihren schwarzen Kutten schweigend zum Mittagsgebet schritten, die Hände in den jeweils anderen Ärmel geschoben. Immer zu zweit nebeneinander, eine lange Reihe, die sich fast geräuschlos durch den Kreuzgang schlängelte, so wie die Aale, die sich durch die morastigen Wasser des Marschlandes wanden, das sein Zuhause war. Er hätte sein grünes Heiligtum voller Weiden und Schilf jedoch nicht für all den kalten und prächtigen Stein der Mönche eintauschen wollen.
Die Straße war staubig, und er spürte die Sonne heiß auf seinen Rücken brennen. Dennoch beschleunigte er seine Schritte. Wenn er sich nicht sputete, würde der Donnerstagsmarkt schließen, noch bevor er überhaupt dort angekommen war. Thors Tag – so nannte Halb-Tom den Donnerstag, denn er liebte die alten Namen aus den Geschichten, die er als Junge gehört hatte. Geschichten aus jenen längst vergangenen Tagen, als die Dänen und König Alfred um die Herrschaft über Anglia kämpften. Manche davon waren blutige Geschichten, aber es kamen stets viele tapfere Männer darin vor. Helden – allesamt. Kühn, stark.
Und groß.
Einem echten Helden war Halb-Tom jedoch noch nie begegnet. Die Mönche sagten, dass es diese nur noch in den Liedern der alten Barden gab. Im England von König Edward III. gab es jedenfalls keine mehr. War Edward eigentlich immer noch König? Halb-Tom nahm sich vor, das auf dem Markt in Erfahrung zu bringen.
Noch mehr Glocken läuteten. Sie lärmten schrill wie Kinder, die lautstark Aufmerksamkeit forderten, während sie den Glockenmüttern in der Kathedrale antworteten. Hinter den Stadtmauern gab es viele Kirchen, erbaut von wohlhabenden Tuchhändlern aus Flandern. In Stein manifestierte Bestechungsversuche gegenüber Gott oder einfach Denkmäler des menschlichen Stolzes. Wenn es in der Grafschaft North Folk nur halb so viele gottgefällige Menschen gäbe wie Kirchen, dachte Halb-Tom, so würde er hier nicht, wie schon so oft, die reine Hölle erleben. Einen gottgefälligen Menschen kannte er – aber nur einen einzigen –, und dieser war kein Held, sondern eine Frau. Er hatte sie heute eigentlich besuchen wollen, jedoch würde ihm dafür kaum noch Zeit bleiben.
Seine Weidenkörbe auf dem Rücken, hatte er bei Tagesanbruch das sumpfige Marschland verlassen. Auf der ausgefahrenen Straße von Saint Edmund nach Norwich hatte er dann wie üblich einige unangenehme Begegnungen mit Pilgern und Dieben gehabt. Er war mit seinen kurzen Beinen eifrig marschiert, damit er es noch bis mittags zum Wochenmarkt schaffte, und hatte vor lauter Anstrengung Wadenkrämpfe bekommen. Seine Schultern schmerzten von dem sperrigen Paket, das er trug, und er war auch geistig erschöpft, weil er sich immer wieder mit entlaufenen Leibeigenen und Arbeitern Wortgefechte hatte liefern müssen, die ihre Langeweile damit zu vertreiben suchten, dass sie einen Zwerg quälten. Für sie war das alles ein Spaß. Für ihn aber war es lebensgefährlich. Er hatte bereits zwei Aale und einen langhalsigen, mit Stopfen versehenen Aalkorb opfern müssen, um ein paar Wegelagerer davon abzuhalten, ihn als Fußball zu benutzen.
Die sperrige Last auf seinem Rücken schlug mit jedem Schritt gegen seine Schultern und scheuerte die Haut unter seinem Wams wund. Schweiß brannte in seinen Augen. Die Sau, die sich mitten auf dem Weg niedergelegt hatte, um ihr Ferkel zu säugen, sah er erst, als das Tier ein warnendes Grunzen ausstieß. Als er einen Satz zur Seite machte, um diesem letzten Hindernis zwischen ihm und den Stadttoren auszuweichen, verrutschte seine Last. Der Lederriemen riss, seine Körbe krachten zu Boden und verteilten sich im Dreck.
»Zur Hölle mit dem Bischof und seinem Schwein«, fluchte er.
Die Sau schnaubte und machte mit dem Kopf eine Bewegung in seine Richtung. Sie hatte ihre Schneidezähne gebleckt. Ein heftiges Stirnrunzeln erschien auf dem runden Gesicht des Zwergs, als er nach dem Schwein trat, dabei aber kurz vor dessen Hinterteil stoppte.
Halb-Tom war zwar wütend, aber er war kein Narr.
Die Sau wuchtete ihren massigen Körper herum und zerquetschte dabei einen großen, runden Korb. Der Zwerg fluchte wieder, als er das Weidengeflecht splittern hörte. Unter dem Bauch des Schweines lag die Arbeit einer ganzen Woche. Zerstört. Eine ganze Woche Weidenruten sammeln, sie spalten und mit seinen groben Händen geschickt zu den eleganten, langhalsigen Körben flechten, in denen er Aale fangen oder die er gegen ein Stück Tuch oder einen Sack Mehl eintauschen konnte. Wenn es ein besonders guter Tag war, sprang dazu vielleicht sogar noch ein Krug Ale heraus. Vergebliche Hoffnung. Wenn er Glück hatte, könnte er gerade noch so viele Körbe retten, um wenigstens einen halben Scheffel Mehl kaufen zu können.




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