Der Schatten des Teufels: Ein Inspektor-Rutledge-Roman - Brossura

Todd, Charles

 
9783453433557: Der Schatten des Teufels: Ein Inspektor-Rutledge-Roman

Sinossi

Fünf Jungen glauben in den Ruinen eines alten Klosters in Yorkshire den Teufel gesehen zu haben. Voller Panik laufen sie davon. Am nächsten Tag wird die mit einer Kapuze bekleidete Leiche eines Mannes nahe dem Kloster gefunden. Die Spuren, etwas Kerzenwachs und ein altes Buch, deuten auf einen Ritualmord hin.

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Informazioni sull'autore

Charles Todd lebt in London. Er wurde mit dem "Edgar" ausgezeichnet und war bereits drei Mal "Autor des Jahres" der "New York Times".

Estratto. © Ristampato con autorizzazione. Tutti i diritti riservati.

BERKSHIRE Anfang April 1920

Es ging auf Vollmond zu, und ein heller Schimmer schien die Nacht zu durchdringen.
Er lief den Feldweg hinunter, drehte sich um und blickte zu dem Hang auf.
Das anmutige weiße Pferd, das von den Briten der Frühzeit in die Kreide gescharrt worden war, galoppierte über den grünen Hügel, ohne sich vom Fleck zu bewegen.
Er konnte es nicht betrachten, ohne von Erinnerungen bestürmt zu werden. Nur aus diesem einen Grund hatte er sich entschlossen, an diesem gottverlassenen Ort zu leben. Um sich selbst zu martern, bis er es nicht mehr ertrug.
Auch die Pferde waren bei diesem ersten Gasangriff gestorben, nicht nur die Männer. Die armen Tiere wussten nicht, was die tief hängenden Schwaden, die zu ihnen geweht wurden, mit sich brachten.
Ein Augenzeuge hatte die Wolke mit einem gewaltigen Pferd verglichen, das über eine kahle Weide gemächlich zum Stall trottet, wo sein Abendessen wartet. Das Gas hatte keine Eile, ließ sich aber auch nicht willenlos treiben, sondern bewegte sich stetig voran, ohne ersichtliches Ziel und ohne ersichtlichen Plan; es folgte dem Wind wie das Pferd dem Geruch seiner Box und dem Duft des frischen Heus, das sich im Futtertrog türmt. Aber wie das bleiche Pferd der Apokalypse trugen auch diese Schwaden den Tod auf ihrem Rücken. Und man konnte wahrhaftig sagen, dass ihnen die Hölle gefolgt war.
Die Metaphorik ließ ihn grimmig lächeln.
Er war nicht da gewesen, als die Deutschen bei Ypern Chlorgas gegen die Alliierten eingesetzt hatten. Und doch hatte dieser Giftgasangriff sein Leben in einer Form verändert, die niemand hätte vorhersehen können.
Er wünschte, er hätte den Namen dieser mittelalterlichen belgischen Stadt nie gehört. Er wünschte, die Deutschen wären nie dort angelangt. Oder die Briten hätten sich rausgehalten und ihnen den verdammten Ort kampflos überlassen.
In seiner Tasche hatte er eine flache silberne Flasche, die mit Schnaps gefüllt war. Er tastete danach, schraubte die Kappe ab, hob die Flasche an seine Lippen und hielt dann inne.
Was wäre, wenn er sie bis zur Neige leerte und in die Ruinen von Wayland's Smithy kroch, um zu sterben - wie ein verwundetes Tier, das sich verbirgt, bis seine Wunden heilen oder es seinen letzten Atemzug tut?
Würde auch nur ein Hahn nach ihm krähen?
Ein Schatten kam auf der Straße auf ihn zu. Es war Andrew Slater, der Schmied. Es war unmöglich, ihn nicht zu erkennen, selbst auf diese Entfernung. Andrew war gebaut wie ein Kirchturm, groß und breit und massiv. Aber der Mann bog nicht auf den Feldweg ein. Er lief vorbei, ohne ein Wort zu sagen, wie ein Schlafwandler, und setzte seinen Weg zu Wayland's Smithy, dem Hügelgrab, das die Sachsen für die Schmiede Wielands gehalten hatten, fort. Gleich und gleich gesellt sich gern.
Es würde eng werden, wenn sie sich beide hineinzwängten, sagte er sich mit einem Anflug von schwarzem Humor, selbst dann, wenn man die Geister nicht berücksichtigte, die in diesem schmalen Grab aus der Steinzeit fortlebten.
Ich beneide Andrew Slater, dachte er, als er dort im Dunkeln stand. Er lebt ausschließlich in der Gegenwart; ich dagegen habe nur die Vergangenheit.
Er trank einen Schluck von dem Schnaps, um sich Mut zu machen, und prostete dem bleichen Pferd mit seinem silbernen Flachmann zu. Dann wandte er sich ab und trottete zu seinem Cottage zurück. Dort drehte er sämtliche Lampen hoch, damit es nicht ganz so trostlos war.

LONDON Ende April 1920
Ian Rutledge betrat seine Wohnung und setzte sich im Dunkeln hin. Er war zu müde, um sich mit den Lampen abzugeben. Es war ein langer und nervenaufreibender Tag gewesen. Die Stunden, die er damit verbracht hatte, einen Mörder zu jagen, hatten mit dem Versuch des Mannes geendet, auf gut Glück durch das Fenster der Mietwohnung zu springen, denn er hatte, so gering seine Chancen auch sein mochten, auf die abwegige Möglichkeit gesetzt, sich der Festnahme doch noch entziehen zu können. Rutledge und zwei Constables waren erforderlich gewesen, um den Sprung zu verhindern, und alle drei hatten ihren Einsatz mit blauen Flecken bezahlt. Rutledges Schulter schmerzte, und sein linker Oberschenkel fühlte sich an, als hätte ihn ein Pferd getreten. Die Verzweiflung musste dem Mann ungeahnte Kräfte verliehen haben.
In der Dunkelheit vernahm er die Stimme von Hamish MacLeod. Die Stimme eines Toten, aber seit nunmehr fast vier Jahren erschien sie Rutledge so real wie seine eigene Stimme. Er hatte sich nie daran gewöhnt, sie zu hören, und doch hatte er sich im Lauf der Zeit halbwegs damit abgefunden. Ihm war gar nichts anderes übrig geblieben, denn die Alternative war der Wahnsinn. Und den Wahnsinn fürchtete er noch mehr als die Stimme des Toten.
»Beinah wärest du gemeinsam mit ihm aus diesem Fenster gestürzt.«
Das entsprach der Wahrheit. Er war schneller gewesen als die verblüfften Constables und hatte den Mann als Erster erreicht. Er hatte die wilde Entschlossenheit in seinen Augen aufflackern sehen und sofort reagiert, als die Muskeln des Mannes sich angespannt hatten und er ihnen den Rücken zukehrte, um zu dem Flügelfenster zu rasen.
»Ein besserer Tod als der Tod durch den Strang«, sagte Rutledge, »wenn es ihm gelungen wäre. Aber wenn er das Glück gehabt hätte, auf dem Dach des Ladens schräg unter seinem Fenster zu landen, wäre er ungeschoren davongekommen. Das konnte ich nicht riskieren. Er hätte wieder getötet. Es lag in seinem Wesen.«
Rutledge ließ sich von der Stille einhüllen, schloss die Augen und lehnte den Kopf an die Stuhllehne, während er darauf wartete, dass seine strapazierten Nerven, wenn schon keinen Frieden, so doch wenigstens Trost fanden.
Es war ihm fast gelungen, in einen seichten Schlaf abzugleiten, als an seine Tür geklopft wurde.
Er schüttelte die Apathie der Erschöpfung ab, stand widerwillig auf und durchquerte das Zimmer. Als er die Tür öffnete, stand seine Schwester Frances davor.
»Ian? Fehlt dir etwas?« Ihr Blick fiel auf die dunkle Wohnung hinter ihm, und ihr ausgeprägter sechster Sinn schien die Atmosphäre zu erfassen wie eine geschmeidige Katze, die Gefahr wittert.
»Ich bin müde, das ist alles. Komm rein. Ich muss die Lampen erst noch anzünden. Ich bin noch nicht lange zu Hause.«
»Tja, aber ich bin hergekommen, um dich aus deiner Höhle zu holen. Ich bin mit Freunden zum Abendessen verabredet und brauche einen Begleiter.«
»Frances. Es muss Dutzende von Männern geben, die mit dem größten Vergnügen mit dir ausgingen. Sie kämen mit, wohin du auch willst, und sei es Paris. Was ist aus ihnen geworden? Sie können doch nicht alle gleichzeitig beschlossen haben, sich in ihrer Verzweiflung von der Westminster Bridge zu stürzen.«
Sie folgte ihm lachend in seine Wohnung und wartete, bis er die Lampen angezündet hatte und die Schatten sich verflüchtigten. Sie ertappte sich bei dem Gedanken, dass das Licht nicht nur die Schatten im Zimmer vertrieb, sondern auch die Schatten seiner Seele. Ihr Instinkt hatte sie also doch nicht getrogen. Es war richtig gewesen, ihn aufzusuchen.

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