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Enttarnt - Brossura

McNab, Andy; Rigby, Robert

 
9783570302842: Enttarnt

Sinossi

Danny Watts will in die Army. Doch weil sein Großvater, der ehemalige Top-Agent Fergus Watts, seine Militäreinheit verraten haben soll, wird Danny abgelehnt. Danny sucht nach dem Mann, der seinen Traum zerstört hat: sein untergetauchter Großvater. Zu spät bemerkt Danny den Verfolger an seinen Fersen. Irgendwer will sicherstellen, dass Fergus Watts und die Wahrheit nicht mehr ans Licht kommen. Nie mehr. Danny muss sich entscheiden, wem er vertrauen will. Und er muss lernen zu fliehen. Schnell. Sehr schnell.


• Spannung, die den Puls in die Höhe treibt
• Ultimative Einblicke in die reale Welt der Geheimdienste




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Informazioni sugli autori

Andy McNab war als SAS-Agent weltweit an militärischen Operationen beteiligt - bis hin zum Golfkrieg. Für die englische Presse ist er der 'Gulf war hero' schlechthin. Von seinen Erfahrungen handeln zwei Sachbücher, die sensationelle Bestseller wurden. 'Ferngesteuert' war sein erster Roman, der in McNabs englischer Heimat auf Anhieb zum Nr.-1-Bestseller aufstieg und dem Autor auch in Deutschland eine große Fangemeinde sicherte. Neben dem Schreiben berät Andy McNab Sicherheitsdienste in den USA und Großbritannien.

Robert Rigby begann sein Berufsleben als Journalist, arbeitete dann mehrere Jahre lang in der Musikbranche und schreibt seither vor allem Drehbücher fürs Fernsehen. »Enttarnt« ist das erste gemeinsame Jugendbuch der Autoren.

Andreas Brandhorst, 1956 in Norddeutschland geboren, schrieb bereits in jungen Jahren fantastische Erzählungen für deutsche Verlage. Mit der aus 6 Bänden bestehenden Kantaki-Saga (die Diamant-Trilogie: "Diamant", "Der Metamorph" und "Der Zeitkrieg", und die Graken-Trilogie: "Feuervögel", "Feuerstürme" und "Feuerträume") schrieb er sich an die Spitze der deutschen Fantastik. Seither sind von ihm außerdem die Space Operas "Kinder der Ewigkeit" und "Das Artefakt" sowie die Mystery-Thriller "Äon", "Die Stadt" und "Seelenfänger" erschienen. Andreas Brandhorst lebt als freier Autor und Übersetzer in Norditalien.

Estratto. © Ristampato con autorizzazione. Tutti i diritti riservati.

Kolumbien, 1997


Fergus hatte das Basislager sorgfältig gewählt. Er war immer vorsichtig. Diese Vorsicht hatte ihn während seiner zwölf Jahre beim Regiment am Leben erhalten, und jetzt, da er allein arbeitete, sollte sich nichts daran ändern.
Der Dschungelboden war feucht und schlammig, von vermodernden Blättern bedeckt. Der Sonnenschein bohrte sich mit kräftigen Strahlen weit oben durchs Blätterdach und erhellte die Lichtung.
Der Morgenregen hatte vor dreißig Minuten aufgehört, aber das Wasser tropfte noch immer von den Baumwipfeln, und alle kleinen Insekten, ob sie nun flogen oder krochen, schienen bestrebt, Fergus zu stechen. Es war heiß und stickig und ungemütlich, aber Gemütlichkeit zählte bei seiner Arbeit nicht zu den wichtigen Dingen. Wichtig war es, am Leben zu bleiben.
Bei SAS-Einsätzen hatte Fergus auf die harte Art den PPVVLL-Grundsatz gelernt: Perfekte Planung und Vorbereitung verhindern eine lausige Leistung. Diesem Prinzip folgend, hatte er vor der Einrichtung des Lagers dafür gesorgt, dass es für den Fall eines Überraschungsangriffs zwei Fluchtwege gab.
Sie waren zu beiden Seiten des Lagers ins Unterholz geschlagen und sorgfältig getarnt. Einer führte tiefer in den Dschungel, der andere zum Fluss, wo die vier Zodiac-Schlauchboote nur ein oder zwei Meter vom Ufer entfernt versteckt waren. Innerhalb von Sekunden konnte man mit ihnen aufbrechen.
Fergus musterte die jungen Guerillas, die vor ihm standen. Sie wirkten nicht sehr glücklich.
»Noch einmal«, sagte Fergus auf Spanisch und drückte sich so einfach wie möglich aus. »Wir machen es noch einmal. Macht es wie ich.«
Einer der Kolumbianer seufzte und murmelte seinen Freunden etwas zu. Fergus verstand ihn nicht – dazu sprach er zu schnell –, aber er kapierte, was gemeint war. Die jungen Leute langweilten sich. Sie wollten ihre Zeit nicht damit verbringen, ihre AK-47-Sturmgewehre auseinander zu nehmen und zu reinigen. Sie wollten sie benutzen.
Fergus hielt seine AK in der rechten Hand und das gewölbte Dreißig-Schuss-Magazin in der linken. Er überprüfte das Magazin an der oberen Seite, um sicherzustellen, dass die glänzenden Messingpatronen richtig saßen, bevor er das Magazin ins Gehäuse schob und auf das Klicken lauschte, das ein richtiges Einrasten anzeigte. Dann schüttelte er das Magazin, um zu prüfen, dass es fest saß.
»Jetzt ihr«, wandte er sich an die schwitzenden Guerillas. »Macht es mir nach.«
Fergus konnte eine Waffe mit geschlossenen Augen laden, entladen und auseinander nehmen – das hatte er zigtausend Mal getan –, doch diesmal hielt er die Augen offen und beobachtete die zwölf Männer, als sie seine Bewegungen nachahmten. Männer? Es waren Jugendliche, die meisten nicht einmal zwanzig und der jüngste vielleicht siebzehn.
Fast alle trugen zerrissene Jeans und alte Fußballtrikots. Bei einigen zeigte sich der erste Bartflaum. Sie schienen beweisen zu wollen, dass sie wirklich Männer waren, entschlossen und tapfer genug, um Guerillas der FARC, der Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens, zu werden. Die Wangen der Jüngeren waren völlig glatt; vermutlich hatten sie noch nicht einmal damit begonnen, sich zu rasieren.
Fergus sah den Verdruss in den jungen Gesichtern. Sie hatten ihre armen Dörfer nicht verlassen, um Waffen zu reinigen. Sie wollten ihr Glück machen. Sie wollten Action.
Und die sollten sie bekommen.
Der Angriff erfolgte ganz plötzlich, ohne Vorwarnung und im denkbar schlimmsten Moment. Offenbar hatten die Regierungstruppen das Lager beobachtet und auf den für sie günstigsten Zeitpunkt gewartet.
Zuerst hörte Fergus die Kampfhubschrauber. Das tiefe, kehlige Grollen ihrer Triebwerke, gefolgt vom Unheil verkündenden Klopfen der Rotorblätter. Die Baumwipfel gerieten in Bewegung und Regenwasser strömte herab.
»Mist!«, brummte Fergus, als er sich umsah und oben den ersten Helikopter bemerkte. »Auf eure Posten! Macht euch bereit!«
Die Guerillas schenkten seinem Befehl keine Beachtung. Die meisten von ihnen gerieten einfach in Panik und liefen in Richtung Fluss, ohne zu ahnen, dass der Schütze in der Tür des Kampfhubschraubers bereits mit einem schweren MG auf sie zielte.
Fergus nahm die einzelnen Teile seiner Waffe und warf sich zu Boden. »Nein!«, rief er und rollte durch den Schlamm. »Nicht zu den Booten! Haltet euch von den Booten fern! Bleibt unten! In Deckung!«
Aber es war bereits zu spät. Kugeln schlugen in die feuchte Erde, als die jungen Kolumbianer zum Fluss stürmten und ihre Waffen zurückließen. Nino, der Jüngste, stand aufrecht da, wie ein erstarrtes Kaninchen im Scheinwerferlicht eines Autos, die Augen weit aufgerissen vor Furcht.
Das Lager war umzingelt. Von allen Seiten näherten sich Soldaten und das Rattern von Automatikwaffen übertönte ihre Befehle. Der Angriff war gut geplant und im ersten Moment empfand Fergus so etwas wie Bewunderung dafür, als er seine AK lud.
Er packte den entsetzten Jungen und zog ihn zu dem Fluchtweg, der durch den Dschungel führte. Sie hatten erst wenige Meter zurückgelegt, als Fergus einen erstickten Schrei hörte. Nino zuckte zusammen und sank zu Boden; Blut quoll aus einer Schusswunde im Hinterkopf.
Fergus wurde getroffen, bevor er das Feuer erwidern konnte. Die Kugel bohrte sich ihm in den Oberschenkel, riss ihn zu Boden und warf ihn in den Schlamm. Ein heftiger Schmerz durchfuhr seinen Körper. Er hob den Kopf und sah den blutroten Knochen in der klaffenden Wunde in seinem Bein.
Vom Fluss her kam das Geräusch von schwerem MG-Feuer, und Fergus wusste: Die Guerillas, die es bis zum Fluss geschafft hatten, wurden von den Kampfhubschraubern erledigt, und ihre Leichen würden stromabwärts treiben.
Und dann war alles vorbei. Die Schießerei hörte so plötzlich auf, wie sie begonnen hatte. Fergus versuchte, ins Unterholz zu kriechen, als er weitere Befehle hörte und dann Männer sah, die in seine Richtung liefen. Er wurde an der Schulter gepackt und umgedreht. Vier kolumbianische Soldaten starrten auf ihn herab. Schweiß glänzte in ihren geschwärzten Gesichtern, als sie die Waffen auf ihn richteten und aufgeregt riefen: »Gringo! Gringo!«
Zwei Soldaten wichen beiseite, um einem Offizier in der Uniform der Anti-Drogen-Polizei Platz zu machen. Er musterte Fergus, lächelte und holte ein Foto aus der Tasche seiner Kampfjacke. Immer noch lächelnd, betrachtete er es und winkte einen Sanitäter heran, bevor er Fergus einen ordentlichen Tritt gegen das verletzte Bein versetzte. Der Schmerzensschrei verhallte im Dschungel.


Army Regular Comissions Board, RCB, Wiltshire, England, 2005


Danny lief. Sein Tempo war so stetig wie sein Atem; er bewegte sich in einem natürlichen Rhythmus. Darauf hatte er gewartet – endlich konnte er zeigen, wozu er fähig war.
Wenn Danny lief, wenn er trainierte, hatte er meistens einen Walkman bei sich und sang leise vor sich hin, wobei er seine Schritte der Geschwindigkeit des jeweiligen Songs anpasste. Es bewahrte ihn bei längeren Läufen vor Langeweile und half ihm, das Tempo zu halten. Aber heute war er ohne Walkman unterwegs. An diesem Tag war er ganz auf den Lauf konzentriert. Er wollte gewinnen, obwohl von einem Wettkampf überhaupt keine Rede gewesen war. Danny wollte trotzdem gewinnen. Wie immer.
Er lag in Führung, als er sich dem Bach näherte. Der schlammige Wasserlauf war zu breit, um ohne die Hilfe des einladend von einem dicken Ast herabhängenden Seils darüber hinwegzusetzen. Danny kniff die Augen zusammen, als er sich dem Ufer näherte. Ohne seine Geschwindigkeit zu drosseln, sprang er hoch, ergriff das Seil mit beiden Händen und schwang mühelos auf die andere Seite.
Der beobachtende Unteroffizier lächelte anerkennend und sah auf die Namensliste an seinem Klemmbrett. »Gut gemacht, Mr Watts, weiter so!«, rief er, als Danny den Lauf in Richtung der hohen Mauer fortsetzte.
Danny grinste. Mister Watts? Er? Er konnte sich nicht daran erinnern, dass ihn zuvor jemals jemand Mister Watts genannt hatte. Man hatte ihn schon auf unterschiedlichste Art und Weise angesprochen, aber nie mit Mister. Doch hier war alles anders.
Als sie sich am ersten Tag versammelt hatten, nervös und unsicher, waren sie von einem Sergeant darauf hingewiesen worden, dass man sie alle Mister nennen würde. »Weil Offiziere Gentlemen sind«, hatte er gesagt. »Und das gilt auch für potenzielle Offiziere wie Sie.«
Danny scherte sich nicht darum, ob man ihn Mister oder General Watts nannte. Ihm ging es nur darum, dass er am Ende des dreitägigen Auswahlkurses ein Stipendium des Regular Commissions Board bekam und zur Offiziersausbildung zugelassen wurde. Er brauchte ein Stipendium. Es war die einzige Möglichkeit für ihn, einen Platz an der Universität zu bekommen und schließlich die Militärakademie Sandhurst zu besuchen.
Die Wochen der Vorbereitung zahlten sich aus. Danny hatte bereits mit Erfolg die medizinischen Untersuchungen und Fitnesstests hinter sich gebracht sowie einen guten Aufsatz über das Zeitgeschehen eingereicht. Seine übrigen schriftlichen Arbeiten mochten nicht unbedingt genial sein, aber er war sicher, dass er dafür gute Noten bekommen würde. Bei den Prüfungsgesprächen war er selbstbewusst, aber nicht großspurig gewesen. Er hatte sogar über die schlechten Witze des Offiziers gelacht.
Er wusste, dass sie ständig unter Beobachtung standen, auch in ihrer Freizeit. Als einige der anderen damit begannen, in der Kantine ein Bier nach dem anderen zu kippen, trank Danny Cola Light. Ein großes Opfer war es nicht – er fand den Geschmack von Bier ohnehin grässlich.
Einer der »echten Biertrinker« machte sich lächerlich, indem er in weniger als einer Stunde vier Halbe trank. Es waren genau dreieinhalb Bier zu viel: Er übergab sich, bevor man ihn zu Bett brachte. Der Offizier vom Dienst war darüber ebenso wenig erfreut wie der Steward, der das Erbrochene aufwischen musste.
Als Vier Halbe, wie ihn die anderen nun nannten, am nächsten Morgen erwachte, bekam er einen Riesenanschiss, was nicht dazu beitrug, seinen Kater zu lindern.
Doch für Danny war es eine nützliche Erinnerung daran, dass man besser alles richtig machte. Er hatte nur diese eine Chance und musste sie so gut wie möglich nutzen. Der Hindernislauf war die letzte Prüfung und alles schien bestens zu sein.
Er kletterte über die zwei Meter hohe Mauer und sprintete die letzten hundert Meter zur Ziellinie, wo der wartende Sergeant die Stoppuhr drückte und Dannys Zeit notierte. »Sehr gut, Mr Watts, wirklich ausgezeichnet. In Ihrer Bewerbung heißt es, dass Sie bereits bei den Landesmeisterschaften gelaufen sind.«
»Mittelstrecken- und Crosslauf.«
»Und möchten Sie damit fortfahren, wenn Sie beim Militär sind?«
Danny zögerte und dachte daran, dass es auf die richtigen Worte ankam. »Solange es mich nicht bei der Wahrnehmung meiner anderen Pflichten behindert.«
Der Sergeant lachte. »Ich glaube, da brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen, Mr Watts – das Militär hat Topathleten immer gefördert. Denken Sie nur an Kelly Holmes. Sie war zehn Jahre bei der Army und inzwischen hat sie zwei olympische Goldmedaillen. Wenn ich Ihnen einen Rat geben darf: Trainieren Sie weiter.«
»Das werde ich, Sir. Danke.«
»Sir? Ich bin kein Sir. Ich muss arbeiten, um mir meinen Lebensunterhalt zu verdienen.« Der Unteroffizier deutete auf die drei grünen Streifen an seiner Kampfjacke. »Es heißt Sergeant. Gehen Sie jetzt unter die Dusche, während ich auf die anderen warte.«
Als Danny zu den Umkleideräumen joggte, sah er seine nächsten Lebensjahre deutlich vor sich, und sie waren genau so, wie es seinen Wünschen entsprach. Erst die Universität, dann Sandhurst, anschließend die Laufbahn als Offizier der Infanterie. Und obendrein würde man ihn vielleicht auch noch fürs Laufen bezahlen. Es konnte gar nicht besser kommen.
Ein Gespräch mit dem zuständigen Colonel nach dem Essen beendete den Auswahlkurs. Er war ein rotgesichtiger, freundlicher alter Knabe, der den Prüflingen genau das sagte, was sie hören wollten: dass sie alle gute Leistungen gezeigt hatten und es einer der besten Auswahlkurse gewesen war, an die er sich erinnern konnte.
»Aber das sagt er jedes Mal«, flüsterte jemand, der hinter Danny saß.
Das leise Lachen verklang, als der Colonel sie daran erinnerte: Es gab nur eine begrenzte Anzahl von Stipendien, was bedeutete, dass einige von ihnen enttäuscht sein würden.
Dreißig Minuten später saßen sie im Empfangsbereich und warteten auf den Bus, der sie zum Bahnhof bringen würde. Sie waren eine gemischte Gruppe: Ein paar kamen wie Danny von der Gesamtschule, aber die meisten hatten eine Ausbildung an einer Privatschule, Officer Training Corps und Army Cadet Corps hinter sich.
Manche allerdings stammten aus alten Militärfamilien.
Vier Halbe hatte sich damit gerühmt, dass sein Stammbaum bis zu Wellington und der Schlacht von Waterloo zurückreichte – das war in der Kantine gewesen, kurz bevor er sich übergeben hatte.
Was Danny betraf: Waterloo hieß der Ort, bei dem er auf dem Rückweg nach Camberwell umsteigen wollte. Seine Militärgeschichte konnte warten, bis er in Sandhurst war.
Auf dem Flur waren feste Schritte zu hören und der Sergeant von der Hindernisstrecke näherte sich. »Mr Watts?«
»Sergeant?«
»Gut, diesmal machen Sie es richtig. Bitte begleiten Sie mich zum Büro des Colonels. Lassen Sie Ihre Sachen hier.«
Der Sergeant drehte sich um und ging in die Richtung, aus der er gekommen war. Danny fühlte die Blicke der anderen Kandidaten auf sich.
»Offenbar hast du’s geschafft«, sagte Vier Halbe und zwinkerte. »Bestimmt hat der Lauf den Ausschlag gegeben.«
Danny eilte dem Sergeant hinterher und seine Gedanken rasten. Stimmte es? Hatte er bestanden? Der Colonel hatte darauf hingewiesen, dass am nächsten Tag Briefe an die erfolgreichen Kandidaten herausgehen würden.
Sie erreichten das Büro des Colonels am Ende des Flurs, und als der Sergeant anklopfte, erklang sofort ein forsches »Herein!«. Der Sergeant öffnete die Tür, forderte Danny mit einem Nicken auf einzutreten und zog die Tür hinter ihm zu. Das Klacken seiner Stiefel auf dem Boden des Flurs wurde leiser, als er sich entfernte.
Auf der anderen Seite des dunklen Holzschreibtisches saß nicht der Colonel. Dieser Mann hier war blond und Mitte vierzig. Mit seinem glatten dunkelblauen Anzug und der senfgelb und rot gestreiften Krawatte sah er aus wie ein hoher Beamter. Danny erkannte die Krawatte. Er hatte einmal an einem Schulausflug zu einem internationalen Vergleichskampf auf dem Lord’s Cricket Ground teilgenommen; dort hatten dutzende von Mitgliedern des Marylebone Cricket Club solche Krawatten getragen.
Eine halb volle Kaffeetasse stand auf dem Schreibtisch. Der Mann las in einer braunen RCB-Akte mit Dannys Foto vorn auf dem Aktendeckel. Er sprach, ohne aufzusehen. »Setzen.«
Danny nahm gehorsam auf dem Stuhl vor dem Schreibtisch Platz und fühlte, wie ihm das Blut ins Gesicht schoss. Am liebsten hätte er erwidert: »Hören Sie, ich bin kein Hund, und was ist mit Mister Watts passiert?« Doch er schwieg.
Eine Uhr an der Wand tickte laut. Danny zählte, wie viele Sekunden verstrichen, bis der Mann schließlich den Kopf hob. »Das Regular Commissions Board wird Ihren Antrag auf ein Stipendium ablehnen, Watts.«
Die Worte trafen Danny wie ein elektrischer Schlag. »Aber… aber warum? Meine Leistungen sind in allen Bereichen gut. Ich habe die medizinischen Prüfungen bestanden und meine schriftlichen Arbeiten waren ausgezeichnet. Oder zumindest gut genug.«
Der Mann zuckte mit den Schultern. »Nun, Einstein sind Sie nicht gerade.«
»Und ich habe den Hindernislauf gewonnen.«
»Ja, Sie können laufen, Watts, das können Sie wirklich. Nun, voraussichtlich wird Ihr Schulabschluss für einen Platz an einer der heutigen so genannten Universitäten genügen, aber wir alle wissen, dass das Bildungsniveau immer mehr sinkt. Die Army will Besseres als nur den Durchschnitt. Wir wollen die Elite.«
Der Mann schien Gefallen daran zu finden, Danny auf die Folter zu spannen und zu verspotten. »Andererseits: Wenn Sie es allein durch die Universität schaffen und das Wunder vollbringen, einen besseren Abschluss als erwartet zu schaffen, so können Sie sich erneut bewerben. Aber…«
Das dünne Lächeln ähnelte mehr einem höhnischen Grinsen, und das mitten in der Luft hängende Aber wies Danny darauf hin, dass es für ihn praktisch keine Hoffnung mehr gab, jemals Offizier der Army zu werden.
»Ich habe keine Familie, die für die Universität bezahlen kann.«
Noch ein dünnes Lächeln. »Das weiß ich.«
Danny bemühte sich, seinen Zorn unter Kontrolle zu halten. »Sie kennen meinen voraussichtlichen Abschluss. Welchen Sinn hat es, mich hierher zu holen und dies alles mit mir durchzugehen, wenn es nur um eine Absage geht?«
»Wir vertreten die Chancengleichheit für alle.«
Das war zu viel für Danny. Er stand auf und schlug mit der Faust auf den Schreibtisch. »Unsinn!« Der Mann hob die Brauen und schwieg, und es blieb Danny nichts anderes übrig, als fortzufahren. »Der wahre Grund ist, dass ich nicht den richtigen Hintergrund habe. Ich spreche nicht mit einem piekfeinen Akzent wie Sie und ich habe nicht die richtige Schule besucht. Ich dachte, dieser Familienscheiß gehörte bei der Army der Vergangenheit an.«
Die Antwort war ruhig und gemessen. »Kämpferisches Arbeiterklasse-Gehabe wird Ihnen kaum weiterhelfen.« Der Mann legte das Bewerbungsformular auf den Schreibtisch und hob die Stimme ein wenig. »Setzen Sie sich.«
Danny sank auf den Stuhl und dachte, dass hinter dieser Sache vielleicht eine ganz andere Absicht steckte. Ein weiterer Test, der seiner Fähigkeit galt, Druck und Provokation zu widerstehen. Wenn das der Fall war, hatte er auf der ganzen Linie versagt.
»Sie müssen lernen, sich zu beherrschen, Watts. Im Gegensatz zu dem, was Sie glauben, spielen familiäre Verbindungen in der Army noch immer eine sehr wichtige Rolle. Zum Beispiel Ihre.«
»Meine?«, erwiderte Danny verwundert. »Ich weiß nicht, wovon Sie reden.«
Diesmal lächelte der Mann nicht. Er stand auf, kam um den Schreibtisch herum und setzte sich vor Danny auf seine Kante. »Wann haben Sie Ihren Großvater zum letzten Mal gesehen?«
»Meinen…«
»Fergus Watts.«
»Ich habe ihn… noch nie gesehen.«
»Sind Sie ganz sicher?« Der gelassene, lakonische Stil war verschwunden. Die Fragen kamen jetzt wie Schüsse aus einer AK-47. »Hat er versucht, Kontakt mit Ihnen aufzunehmen?«
»Mit mir nicht, nein. Und was hat er mit meiner Bewerbung zu tun?«
»Mit Ihnen nicht? Wie meinen Sie das?« Der Mann beugte sich näher. »Antworten Sie, Watts.«
Danny roch den Kaffeegeruch im Atem des Mannes. Seine Kehle war plötzlich trocken. So etwas hatte er beim besten Willen nicht erwartet. »Als ich sechzehn war, hat jemand beim Sozialamt nach mir gefragt. Ich weiß nicht, wer es war. Wenn mein Großvater dahinter steckte, so hat er sich nie mit mir in Verbindung gesetzt.«
Der Mann sah Danny in die Augen. Sein Blick war prüfend und fast hypnotisch. Schließlich schien er zufrieden zu sein und kehrte zu seinem Platz hinter dem Schreibtisch zurück. »Fergus Watts hat sein Land und sein Regiment verraten. Wussten Sie, dass er zum SAS gehörte?«
Danny schüttelte den Kopf. »Ich wusste, dass er in der Army war, das ist alles.«
»Es gibt gewisse Dinge, die wir mit Ihrem Großvater klären müssen, und wenn Sie uns irgendwie dabei helfen können…« Der Mann nahm das Bewerbungsformular. »Dann ist vielleicht doch noch ein Stipendium für Sie drin.«


Das Schwarzweißfoto war vergilbt und verblasst. Es zeigte drei junge Männer in Soldatenuniformen, die Arm in Arm dastanden und glücklich lächelten. Junge Kameraden.
Das Foto war Dannys einzige Verbindung zu seinem Großvater. Er betrachtete es erneut, riss es dann in der Mitte durch und warf die beiden Hälften zum bereits vollen Abfallkorb auf der anderen Seite des Raums. Sie verfehlten ihn und landeten auf dem Boden.
Elena stand in der Tür von Dannys Zimmer. »Das bereust du vielleicht noch.«
Mürrisch und mit finsterer Miene setzte sich Danny aufs Bett. »Warum? Das Einzige, was er jemals für mich getan hat: Er blockiert meinen Weg in die Army.«
»Spiel nicht den Beleidigten, Danny. Das passt nicht zu dir.«
»So ein Mist.« Die Rückreise aus Wiltshire hatte seine Stimmung nicht verbessert. Er war nicht nur eingeschnappt; er kochte. »Der Typ hat immer wieder neue Fragen gestellt. Ob ich wüsste, wo sich mein Großvater aufhält. Ob ich wirklich sicher bin, dass ich ihn nie gesehen habe.«
Elena sah auf die beiden Hälften des zerrissenen Fotos hinab. Die lächelnden Gesichter waren noch immer zu erkennen. »Warum suchen sie ihn? Nach so langer Zeit?«
»Das wollte mir der Kerl nicht verraten. Er meinte nur, sie müssten mit ihm reden.«
»Willst du nicht Bescheid wissen?«
»Ich will überhaupt nichts von ihm wissen. Ich hasse ihn.«
Unten waren Stimmen zu hören, und Elena, die in der Tür stand, trat unruhig von einem Fuß auf den anderen. »Ich sollte besser nach unten gehen. Dave the Rave dreht durch, wenn er mich hier oben erwischt.«
Danny stand auf. »Ich werfe einen Blick in die Abendzeitung und sehe mir die Stellenanzeigen an. Der Teilzeitjob bei Tesco genügt jetzt nicht mehr, oder?«
»Was ist mit deinem Schulabschluss?«
»Was hat das jetzt noch für einen Sinn?«, erwiderte Danny, schob sich an dem Mädchen vorbei und ging zur Treppe. Elena hob die beiden Hälften des Fotos auf, schob sie in die Gesäßtasche der Jeans und folgte ihm.
Sie wohnten in Foxcroft, einem privaten Wohnheim für Jugendliche in Camberwell, im Südosten von London. Seit fünf Jahren lebte Danny dort. Es war sein Zuhause. Besser gesagt: Es kam einem wahren Zuhause näher als alles andere in seinem bisherigen Leben.
Als er sechs war, waren seine Eltern bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Danny hatte ebenfalls in dem Wagen gesessen, erinnerte sich aber nicht an den Unfall. Nicht einmal in seinen Träumen. Ohne Verwandte, die sich um ihn kümmern konnten, wurde er zu einem Sozialfall. Im Lauf der Jahre kam er bei vier verschiedenen Pflegeeltern unter, aber es klappte nie.
Danny war kein Unruhestifter, aber er war unabhängig, legte Wert auf seinen Freiraum und wollte sich nicht den Vorstellungen fremder Leute von einem Familienleben anpassen. Er hatte seine eigene Familie verloren und wünschte sich nicht, Teil einer anderen zu werden. Als er einen Platz in Foxcroft bekommen konnte, nahm er die Chance sofort wahr. Dort fühlte er sich wohl.
Elena war kurz nach dem Tod ihrer Mutter eingezogen und inzwischen seit achtzehn Monaten im Wohnheim. Auch sie hatte keine Familie mehr. Ihr Vater war vor Jahren nach Nigeria zurückgekehrt, um, wie er Elena und ihrer Mutter gesagt hatte, dort sein Glück zu machen. An großen Ideen hatte es ihm nie gemangelt, wohl aber an Resultaten.
Danny und Elena waren von Anfang an bestens miteinander zurechtgekommen. Sie passten einfach gut zusammen, auch wenn Elena ein Jahr jünger war. Zuerst dachte Danny, dass sie vielleicht mehr werden könnten als nur Freunde, aber Elena hatte ihm sofort klar gemacht, wie die Sache lief. »Ich möchte einen guten Freund, Danny«, sagte sie, als er einmal einen unbeholfenen Versuch machte, sie zu küssen. »Ich bin nicht daran interessiert, mit jemandem zu gehen. Jetzt noch nicht.«
Deshalb begnügte sich Danny mit der guten Freundschaft, obwohl ihm Elena noch immer sehr gefiel. Und manchmal hatte er den Eindruck, dass dies auf Gegenseitigkeit beruhte. Aber vielleicht ließ sie ihn das auch nur glauben.
Elena war selbstsicher, clever und scharfsinnig. Sie ließ sich von niemandem einschüchtern und konnte gut mit Menschen umgehen. Auch mit Danny, der ein wenig schuldbewusst wirkte, als sie ihn jetzt an der Treppe einholte.
»Ich habe dich nicht einmal nach den Ergebnissen deiner Abschlussprüfung gefragt.«
»Stimmt, das hast du nicht.«
»Es tut mir Leid. Also, schieß los.«
Elena lächelte. »Soll ich bescheiden sein oder einfach ehrlich?«
Danny lachte. Irgendwie gelang es Elena immer, ihn zum Lachen zu bringen. »Wann bist du jemals bescheiden gewesen?«
»Wenn das so ist… Also, ich habe glänzend abgeschnitten. Fast alles Einsen und nur wenige Zweien. Toll, nicht wahr? Lass uns jetzt nach unten gehen.«
Elena war die Starschülerin ihrer Schule, ein Genie, aber keine Streberin. Weder lernte sie stundenlang irgendwelche Bücher auswendig noch langweilte sie ihre Umgebung mit endlosen Strömen nutzloser Informationen. Allerdings hielt sie gegenüber ihren Freunden auch nicht hinter dem Berg damit, wie gut sie war – das aber auf äußerst nette Art.
Foxcroft war ein altes viktorianisches Gebäude mit drei Hauptstockwerken und einem Dachgeschoss, in dem einst die Bediensteten untergebracht gewesen waren. Irgendwann zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg hatte hier ein Regierungsminister gewohnt.
Das hätte man jetzt nicht mehr für möglich gehalten. Der alte Glanz war traurig verblasst. Der Anstrich blätterte ab, der Boiler im Keller schnaufte und zischte wie ein alter Mann nach einem Leben mit zu vielen filterlosen Zigaretten. Die Schiebefenster klemmten und bei Wind schien das ganze Gebäude zu stöhnen und zu zittern. Aber Foxcroft hatte etwas, das fast alle mochten, die dort wohnten. Etwas Beruhigendes. Es verströmte immer noch den alten Ruhm, als lehne der es ab, sich einfach hinzulegen und aufzugeben.
Von den Zimmern der Jungen im zweiten Stock gingen Danny und Elena die breite Treppe zum ersten Stock hinunter. Dort hatten die Mädchen ihre Zimmer; Fernseh- und Wohnzimmer lagen im Erdgeschoss.

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